Nahariya: Eine Stadt zwischen Hoffnung und Kriegstrauma

Vom Badeort zur Frontstadt: Nahariya im Ausnahmezustand

Beinahe malerisch erstreckt sich Nahariya am Mittelmeer entlang und ist damit ein hervorragender Ferien-und Badeort. Die Stadt ist für ihre Sonnenuntergänge bekannt, nun erlebt sie die Schattenseite des Krieges.

Nahariya ist 8 km von der libanesischen Grenze entfernt und damit die nördlichste Küstenstadt Israels. Namensgeber ist der Fluss Ga´aton, der durch die Stadt fließt. („Fluss“ heißt auf hebräisch: „Nahar“  נהר)

In den 1930er Jahren wurde die heutige Stadt von jüdischen Einwanderern aus Deutschland gegründet und war ein Symbol für Hoffnung und Neuanfang nach der Shoa. Trotzdem hat sich die Stadt die Verbindung nach Deutschland bewahrt. Partnerstädte sind u.a. Bielefeld, Tempelhof-Schöneberg und seit 2023 auch Darmstadt.

Eine Stadt zwischen Traum und Trauma: Leben an der Grenze

Gerade in den letzten Wochen war Nahariya durch ihre Nähe zur libanesischen Grenze von Drohnenattacken und Raketenbeschuss der Hizbollah sehr betroffen. Ein normaler Alltag oder ein ruhiger Shabbat waren kaum möglich. Die Sirenen der Stadt heulten in den letzten drei Monaten 189 Mal.

Sowohl zivile Einrichtungen als auch Militärstützpunkte waren immer wieder Ziele der Angriffe aus dem Norden.

Die Terrororganisation Hizbollah plante ihren 7. Oktober“ im Norden Israels mit einem Massaker, wie es am 07. Oktober 2023 im Süden des Landes von der Hamas (unter Beteiligung der palästinensischen Zivilbevölkerung) durchgeführt wurde. Ganz Galiläa[3] sollte in ähnlich brutaler Art und Weise „erobert“ werden. Aufgrund der Nähe zur libanesischen Grenze wäre die Stadt sicheres Angriffsziel geworden.

Eine Recherche der Nachrichten und Meldungen über den Raketenbeschuss in den letzten Wochen soll einen Eindruck darüber verschaffen, wie der Alltag der Menschen, die sich unter ständiger Bedrohung von Raketeneinschlägen und Explosionen befanden, betroffen war.

Die folgende Dokumentation stellt einen Ausschnitt des Beschusses dar und ist keinesfalls vollständig:

Eine Chronik der Angriffe: Nahariyas schwere Wochen

Die Chronik verläuft zeitlich gesehen rückwärts.

26.11. 2024

Raketenfeuer über Nahariya, bei dem ein 80-jähriger Mann und eine 70-jährige Frau leicht verletzt wurden.

Mehrere Gebäude wurden getroffen und Autos erlitten Schäden. [4]

25.11. 2024

Über 20 Raketen wurden in die Region gefeuert. Dabei wurde ein 75-jähriger Mann verletzt .[5]

21.11. 2024

Braen Direktor, 27 Jahre alt, wurde durch ein Schrapnell tödlich verletzt als er während des Beschusses versuchte, Schutz zu suchen. 

In dieser Attacke wurden nach Aussagen von MADA (=Magen David Adom, ein israelischer Rettungsdienst) auch zwei Frauen verletzt.

Eine weitere Rakete schlug in den Hinterhof eines Hauses ein.[6]

16.11. 2024

Ca. 20 Raketen sowie feindliche Flugobjekte/Drohnen wurden auf Nahariya und Umgebung gezielt.

Eine Drohne explodierte auf einem Balkon einer leerstehenden Wohnung im 2. Stock.

Ein weiterer Drohneneinschlag im anliegenden Achziv Nationalpark verursachte ein Feuer.[7]

12.11. 2024

Ein direkter Einschlag in ein Gebäude tötete Ziv Belfer (52 Jahre alt) und Shamoun Najm (54 Jahre alt).[8]

Ein Warenlager in der Stadt wurde ebenso getroffen und stand in Flammen.

Im Kibbutz Kabri, welches sich in unmittelbarer Nähe zum Stadtgebiet Nahariya befindet, wurden in derselben Attacke ein 30-jähriger Mann und eine 40-jährige Frau verletzt. [9]

23.10. 2024

Ein Mann wurde durch einen Raketenbeschuss schwer verletzt. [10]

09.09. 2024

Eine Drohne, die auf einen israelischen Militärstützpunkt zielte, schlug in Shahar Toledanos Wohnung im 14. Stock ein. [11]

Schicksale im Schatten des Krieges: Geschichten von Keren und Chanie  

Die Menschen in Nahariya leben seit Monaten in einer angespannten und gefährlichen Situation. Raketenbeschuss, Sirenen und die ständige Bedrohung durch Angriffe prägen ihren Alltag. Hinter all dem stehen persönliche Schicksale und Geschichten, die das Ausmaß des Leids greifbar machen.

In diesem Beitrag geben uns zwei mutige Frauen, Keren und Chanie, einen Einblick in ihr Leben während dieser schwierigen Zeit. Sie erzählen von Angst und Verlust, aber auch von Stärke und Hoffnung. Ihre Geschichten zeigen, wie der Krieg das Leben in Nahariya verändert hat – und wie die Menschen dennoch versuchen, den Mut nicht zu verlieren.

Wir danken Keren und Chanie dafür, dass sie ihre Erfahrungen mit uns teilen und wünschen ihnen von Herzen viel Kraft und Zuversicht. 

KEREN

 “Shalom, mein Name ist Keren Treistero. Ich bin verheiratet, wohne in Nahariya und bin Mutter von drei Kindern: Lihi ist 27, Zoe 23 und Adi 20 Jahre alt.

 Der 7. Oktober traf uns, so wie alle Bewohner des Landes, mit einer großen Welle an Schock, Angst und Trauer.

Meine Tochter war an diesem Tag auf einer Reise in Amerika, mein Sohn bei Hashomer haTza`ir (eine Jugendorganisation) in Holon. Ich war mit meinem Mann und meiner jüngeren Tochter Zoe zuhause.

Nach einer schlaflosen Nacht fuhr mein Mann zur Arbeit nach Karmiel. Ich arbeite im Kibbutz Eilon und bin nicht zur Arbeit gegangen.

Wir saßen alle wie gelähmt vor dem Fernseher. Zoe und ich hatten Angst das Haus zu verlassen. Ich habe absolut nicht “funktioniert”.

Am Montag haben sie bereits die Evakuierung der Ortschaften an der Nordgrenze angekündigt. Darunter auch das Kibbutz Eilon, in dem ich arbeite. Zoe drängte mich voller Angst, unser Haus und die Gegend zu verlassen. Sie befürchtete, dass Hizbollah-Terroristen auch uns attackieren könnten. Wir warfen Kleidung in eine Tasche und gingen von Hause weg. Wir wussten nicht wohin wir gehen sollten. Wir rannten aus reiner Panik aus Nahariya [unserer Heimat] einfach weg. 

Mein Sohn, der sich seit seinem 15. Lebensjahr ehrenamtlich engagiert, schlug uns vor, nach Givat Haviva zu fahren. Dort veranstaltet Hashomer haTza`ir (eine jüdische progressive Jugendorganisation) Seminare und es gibt kleine Zimmer mit Betten. Uns empfingen dort die Freiwilligen, die natürlich meinen Sohn kennen, mit einer freundlichen Geste.

Eine Woche später holten wir auch meine Mutter zu uns, die in einem Pflegeheim in Moshav Regva, in der Nähe von Nahariya lebt.

Wir blieben einen Monat. Wir schliefen zu fünft in einem winzigen Zimmer mit Etagenbetten und waren dennoch jeden Tag dankbar dafür, dass wir dort unterkommen konnten. Dann kehrten wir mit großer Sorge wieder nach Hause zurück. Wir schlossen das Haus ab und hatten Angst davor, rauszugehen. So verging der nächste Monat und ein weiterer.

Im Februar 2024 zog meine Tochter mit ihrem Partner nach Haifa. Unsere älteste Tochter Lihi ist bereits aus Amerika zurückgekehrt.

Während der gesamten Zeit fuhr mein Mann jeden Tag zur Arbeit nach Karmiel. Auf seinem Heimweg gab es dutzende Male Raketenalarm. Er hielt jedes Mal an und legte sich auf den Boden, um sich vor den Raketen zu schützen.

Ich habe das Haus etwa ein Jahr lang nicht bei Tageslicht verlassen. Meinen Bruder habe ich ein paar Mal in Or Yehuda besucht, jedoch immer nur nachts. Ich habe starke Ängste entwickelt und werde medikamentös behandelt.

Seit Beginn des Krieges habe ich durch emotionales Essen 14 Kilo zugenommen, mein Zuhause kaum verlassen, meine Einkäufe online getätigt und von zuhause aus gearbeitet.

 Die Auswirkungen des Krieges werden uns alle noch viel weiter begleiten.

Auch heute während des Waffenstillstands mache ich mir große Sorgen und habe Angst, dass die Hizbollah in Zukunft das tun wird, was im Süden passiert ist.”

 CHANIE

 

Chanie in ihrem Schokoladengeschäft

Chanie ist 35 Jahre alt und kommt ursprünglich aus New York. Vor 5 Jahren ist sie nach Nahariya gezogen. Sie hat dort ein Schokoladengeschäft aufgebaut und bietet Workshops an.

Bei ihrer Aaliyah hat sie Nahariya als Wohnort gewählt, weil sie den Norden sehr mag und es dort viele Möglichkeiten zum wandern gibt. Sie wollte weiter weg vom Landesinneren und den großen Städten wohnen. Chanie genießt die Gemeinschaft in Nahariya und die Umgebung sehr. Sie wohnt direkt am Mittelmeer, wo es sehr entspannend ist.

Chanie erzählt davon, wie das letzte Jahr für sie war und schildert, wie es ihr ergangen ist:

“Meine Erfahrung seit dem 7. Oktober 2023 war für mich sehr neu. Zum ersten Mal in meinem Leben ist dort, wo ich lebe, Krieg. Ich habe Raketen, Flugkörper und Drohnen als ständige Bedrohung erlebt. Ich muss immer wissen, wo der nächste Schutzraum ist.

Es ist eine sehr schwierige Erfahrung und sie wird mich auf jeden Fall mein ganzes Leben lang begleiten.

Durch den Krieg hat sich für mich im Laufe des Jahres und insbesondere in den letzten Wochen viel verändert. Der Raketenbeschuss seitens der Hizbollah nahm stetig zu.

Dies hat mich sozial beeinflusst. Ich kann nicht mit Freunden ausgehen, schon gar nicht irgendwohin ohne Schutzraum. Ich kann weder wandern gehen noch viele andere Dinge machen, die mir sonst so viel Spaß bereiten.

Der Krieg hat auch meine Arbeit beeinflusst. Ich habe keine Kunden, die mein Geschäft besuchen, keine Anfragen und keinen Verkauf. Ich biete Schokoladen-Workshops an, aber derzeit haben die Menschen Angst, in unsere Gegend zu kommen.

Normalerweise haben wir im Sommer viele Besucher und Touristen. In diesem Jahr kam niemand.

Was mein tägliches Leben betrifft, so blieb ich in den letzten Wochen in der Nähe meiner Arbeit oder zuhause, weil ich weiß, dass es dort Schutzräume gibt. Es fällt mir schwer, zur Arbeit zu gehe. Ich möchte so wenig Zeit wie möglich unterwegs auf der Straße verbringen. Ich zögere sogar, weite Strecken zu fahren. Ich weiß, dass wir diese Zeit überleben werden und nicht nur das: Wir werden gestärkt daraus hervorgehen.

Der Wiederaufbau wird jedoch lange dauern. Häuser und Geschäfte wurden zerstört, Familien sind traumatisiert, ganz besonders diejenigen, die Familienmitglieder und Freunde entweder durch Kämpfe oder Raketenangriffe verloren haben. Kinder lernen derzeit über Zoom statt im Unterricht, was nicht gut ist. Ich frage mich, was aus dieser Generation wohl werden wird, wenn sie keine Kontakte knüpft. Wir haben Kinder, die überhaupt keine Kontakte pflegen, weil die Eltern Angst haben, rauszugehen. Aber am Ende werden wir überleben und es wird uns gut gehen. Es dauert einfach lange, bis wir dort ankommen.

Meine Wünsche und Hoffnungen für dieses Land sind, dass der Krieg endet und die Geiseln nach Hause kommen. Ich wünsche mir auch sehr, Frieden mit unseren Nachbarn zu haben. Wir wollen wirklich Frieden und keinen Krieg ! ...

 Ich hoffe, dass Euch weiterhin bewusst ist, wie wichtig uns Eure Unterstützung ist.”

Chanie freut sich sehr über Besuch. Falls ihr Nahariya als Urlaubsziel einplant, dann schaut gerne bei ihr vorbei!

 

Chanies Freundin möchte anonym bleiben, jedoch auch einen Beitrag leisten. Sie wohnt in Eshhar, eine halbe Autostunde von Nahariya entfernt.

„Wir haben den Krieg von Anfang an gespürt, aber als es im September auch im Norden so richtig losging, bemerkte ich, wie sehr sich der Krieg auf meine Kinder auswirkte.

Meine Tochter (5 Jahre) wurde nervös. Jedes Mal, wenn wir irgendwohin gingen, etwa zur Synagoge, fragte sie sich: „Was ist, wenn es jetzt einen Alarm unterwegs gibt?“

 Mein Sohn (3 Jahre) begann, jede Nacht einzunässen. Ein paar Mal wurden wir draußen von einem Alarm überrascht und wir mussten mit den Kindern in einen Schutzraum rennen. Das hat mich jedes Mal wirklich erschüttert.

Einmal hatte ich eine kleine Panikattacke, die ich vor meinen Kindern zu verbergen versuchte.

Auf der Arbeit ist es auch sehr schwer. Den ganzen Tag lang empfangen die Handys der Kollegen - je nachdem, wo sie wohnen - über die Apps Warnungen und Alarme.

Mein Chef ist seit drei Monaten im Militärdienst und ebenso zahlreiche Teammitglieder, die nur hin und wieder arbeiten, sodass die Dinge nicht wirklich erledigt und vorangebracht werden können.

Ich habe einige Freunde im Ort, die keinen Schutzraum in ihren Häusern haben. Sie wissen, dass sie nicht rechtzeitig zu einem rennen könnten, also haben sie monatelang bei Freunden übernachtet oder in irgendeiner anderen Wohnung auf Matratzen auf dem Boden.

Der Waffenstillstand ist eine echte Erleichterung. Ich sehe, dass meine Kinder entspannter und bereit sind, sich mehr draußen aufzuhalten. Die Dinge beginnen, sich wieder normaler anzufühlen, aber ich bin immer noch sehr nervös, was die Zukunft angeht.”

 

Eine kleine Anmerkung zum Schluss:

Dieser Newsletter ist Ende Dezember 2024 veröffentlicht. Der Inhalt, d.h. Recherche und Interviews sind einen Monat vorher, also Ende November verfasst worden - direkt nach Inkrafttreten der Waffenruhe zwischen der Hizbollah und Israel.

Wir bedanken uns für Eure Unterstützung und hoffen, dass diese in Zukunft noch wächst.

 Wir hoffen auf ein Chanukkawunder und beten dafür, dass alle Geiseln in diesen Tagen zurück zu uns kommen!

Allen Lesern dieses Newsletters wünschen wir schöne und besinnliche Weihnachtsfeiertage, Chanukka Sameach und einen gesunden Start ins Neue Jahr!

 

 

 

 


[3]Zu Galiläa gehörende Städte sind u.a. : Nahariya, Karmiel, Akko, Tiberias, Safed

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