Massiver Raketenbeschuss auf Israels Norden und die süßesten Äpfel nahe des Libanons

von T. Goldstein

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22.09.-06.10.2024

Ihr Lieben!

Herzlichen Dank, dass ihr Euch die Zeit nehmt und mit uns dieses Abenteuer gemeinsam begeht. Entschuldigung, dass ich eueren Emailpostkasten noch einmal innerhalb von nicht ganz 24 Stunden “zu Mülle”. Aber ich lerne noch. Alles was hier seht, habe ich den letzten Tagen und Wochen mir selbst angelernt. Aus diesem Grund gibt es noch ein paar Kinderkrankheiten. Deshalb kommt die erste Ausgabe nochmal.

Danke für Euer Verständnis.

Am Israel Chai

365 Tage seit dem 07.10.2023

Ein persönlicher Rückblick auf die letzten Wochen

Wie ich die Berge und die frische Luft in der ober-galiläischen Stadt, in der ich seit knapp einem halben Jahr fest wohne, vermisst habe!

Auf hebräisch wird es „Tzfat“ oder manchmal auch „Zefat“ (mit einem kurzen e) ausgesprochen. Als internationale Bezeichnung hat sich Safed/Safad durchgesetzt, welches ich in diesem Newsletter weiterhin verwende.

Es ist eine der vier heiligen Städte Israels, ein gewichtiges kabbalistisches Center und als Element wird diesem Bergstädtchen „Luft“ zugeordnet.

Durchatmen ist das Ziel!

Nach einem langen Urlaub in Deutschland kehre ich in meine Wahlheimat zurück. Ich freue mich darauf, diese frische und heilige Luft einzuatmen, Freunde wiederzusehen und Ausflüge zum See Genezareth (hebr.: Kinneret) zu unternehmen.

Aus den Ausflügen wird erstmal nichts werden.

 Die Situation im Norden ist angespannt, weil die Hizbollah andauernd Raketen auf den gesamten Norden abschießt. 

Wir sind ca. 25 km von der Grenze zum Libanon entfernt.

 Seit Oktober letzten Jahres wurden 40 Ortschaften, die sich 5 km von der libanesischen Grenze entfernt befinden, evakuiert. 

Rund 65.000 Israelis können seitdem nicht mehr in ihre Häuser, zur Arbeit, die Kinder nicht mehr in den Kindergarten oder in die Schule.

Ihr Aufenthalt woanders im Land ist temporär, jedoch mittlerweile von Dauer.

Wie lange müssen sie noch warten, bis sie ihr Leben weiterführen können?

 Ich muss es nochmal sagen: Der Norden Israels ist unter Beschuss! Und das seit einem ganzen Jahr!

Ein „normales Leben“ ist hier nicht, kaum oder nur unter „erschwerten“ Bedingungen möglich.

 Und nein, Israel „greift derzeit nicht den Libanon“ an oder ganz plötzlich Hizbollah-Stellungen. Es ist die Konsequenz nach einem ganzen Jahr Terror.

Foto vom Raketenangriff auf Safed am 27.09.24

Zahlreiche Landwirte haben ihre Felder und Tiere verloren. In diesem Sommer gab es so viele (Wald-) Brände durch Raketeneinschläge, die einen massiven Schaden angerichtet haben, sodass es lange dauern wird, bis sich die Natur davon wieder erholt.

 Ich habe vor drei Monaten mit einer Frau gesprochen, deren Fensterfront und das komplette Haus ihrer direkten Nachbarn zerstört wurden.

Wir sprachen genau einen Tag später am Shabbattisch. Sie selbst hat die Bedrohung anfänglich nicht so ernst genommen. Sie sah den Raketenbeschuss von ihrem Balkon aus und verließ sich vollkommen auf den Iron Dome. Sie hatte dabei vollstes Gottvertrauen. Bis zu dem Moment, wo sie so etwas wie „Staub zwischen ihren Fingern“ spürte, nahm sie die Situation nicht allzu ernst. Erst dann sagte etwas in ihr „Geh runter, renn!“. Sie rann in den Keller. Sekunden später schlugen Teile der Rakete in die Fensterfront ihres Balkons ein. Das Nachbarshaus traf es schlimmer, alles stand in Flammen. Sie schrie den Rettungskräften nur zu „Ich bin ok! Aber da wohnt eine Frau mit einem einjährigen Baby!!“

getroffenes Haus in Safed von den Raketenangriffen vom 27.09.24

Diese Nachbarn verließen nur wenige Stunden vor dem Raketeneinschlag ihr Haus. Zum Glück und Gott sei Dank fuhren die sie zu einer Hochzeit in Tel Aviv.

Die Hochzeit hat ihnen das Leben gerettet.

 Bei uns in Safed (mit den dazugehörigen Zonen: City, Akbara, Nof ha-Kinneret) heulten in den letzten zwei Wochen 95  Mal die Sirenen. Jedes Mal wurden mehrere Raketen auf unser Stadt-und Randgebiet geschossen.

Wir versuchen unseren Alltag so gut es geht weiterzuführen. Einrichtungen der Kinderbetreuung und Schulbetrieb sind derzeit eingestellt.

Ich bin fasziniert darüber, wie stark unsere Gemeinschaft zusammenhält und wie problemlos der Informationsfluss läuft. Wir vertrauen einander - sowohl den Nachbarn als auch der Stadtverwaltung und den Notfallteams der Stadt und der IDF, die 24/7 für unsere Sicherheit zur Verfügung stehen. Seit einem Jahr versuchen wir den Alltag im Ausnahmezustand aufrecht zu erhalten.

Es gibt Menschen die unaufhörlich für uns im Dienst sind und das seit einem ganzen langen Jahr, das mittlerweile sprichwörtlich „ins Land gezogen ist“.

Einer dieser Menschen ist Shayna Paquin.

Ihre Stimme wird mit Auftakt dieses Newsletters die erste Stimme sein, die ich zu Euch nach Deutschland schicken möchte.

Sie wurde von der KAN Reporterin Naomi Segal interviewt. Die Veröffentlichung fand am 25.09.2024 statt. Das Original verlinke ich am Ende dieses Textes.

 Shayna beschreibt den Tag nach einem heftigen Raketenbeschuss auf Safed wie folgt:

„Wir haben unseren üblichen Raketenbeschuss, aber der wird definitiv intensiver. Gestern gab es einen direkten Einschlag in ein Haus in Rosh Pina, ungefähr 5 Minuten von unserem Haus entfernt. Beide Städte befinden sich sehr nah beieinander.Heute ist eine Rakete in ein Haus in Safed eingeschlagen. Gott sei Dank sind die Besitzer derzeit im Ausland, also wurde niemand verletzt. Das Haus in Rosh Pina hatte einen Mamad (Schutzraum), aber bei uns sind die Häuser älter und haben keine Schutzräume. Daher gibt es natürlich einige Bedenken seitens der Bewohner.“

 Naomi: „Der Bürgermeister von Safed hat heute gesagt, dass eine erhebliche Anzahl von Häusern keine Schutzräume haben. Wie gehen Familien damit um?“ 

Shayna: „Das stimmt und leider ist das ein Problem überall im Norden, aber besonders in Safed, weil es eine so antike Stadt ist und auch ein extremes Wachstum mit großen Familien. Das letzte Mal haben wir über ein Projekt gesprochen, welches Schutzräume in Kindergärten und Vorschulen installiert, weil sich da große Familien befinden. Dieses Vorgehen wurde in den vergangen Jahren nicht so sehr verfolgt. Weißt du, manche können in innen gelegene Treppenhäuser oder dahin gehen, wo sich innere Wände befinden, mache Leute haben die Stadt auch verlassen. Es ist traurig, sie gehen zu sehen. Manche haben die Stadt verlassen und sind wieder zurück gekommen.“

 Naomi: „Also ist das eine individuelle Entscheidung und wenn sie können, dann nehmen sie sich diese Pause..“

Shayna: „Ja, manche. Safed ist auch ein sehr spiritueller und ritueller Ort. Es gibt einen großen Glauben daran, dass Safed einer der sichersten Orte in der Welt ist. Wir wissen, wann die Raketen auf uns abgefeuert werden, nicht nur aufgrund der Sirenen, sondern auch aufgrund unserer Whatsapp-Gruppen. Leute veröffentlichen dort die Psalme, die sie (als Gebet) lesen und sobald so ein Beschuss beendet ist, wurde das ganze Buch der Psalme als Gebet gesprochen. Da ist ein zweifellos der Glaube daran, dass Gott uns beschützt.“

 Naomi: „Wie lange habt ihr Zeit, Schutz zu suchen, wenn Alarm ist?“

 Shayna: „Wir haben nur 30 Sekunden, das ist wirklich nicht viel. Im Landesinnere haben die Leute 1-1,5 Minuten. 30 Sekunden ist nicht lange. Wir mussten daran erinnern, nicht zu schnell zu rennen. Es gab Personen, die sich verletzt haben, weil sie gefallen sind auf dem Weg zum Schutzraum. Mittlerweile verstehen wir, dass wir uns beeilen müssen, aber nicht zu schnell rennen. Wir müssen schnell sein und uns trotzdem Zeit nehmen..“

 Naomi: „Und dann gibt es diese Anweisungen, die sagen: Bleibe in der Nähe des Schutzraumes..Kann es da eine Art Tagesroutine geben? Wie laufen diese Tage ab?“

Shayna: „Seit Sonntag (22.09.) findet der Schulbetrieb nicht statt, die Kinder sind zuhause.Ich habe 7 Kinder zuhause und wir sind nur eine mittelgroße Familie. Es gibt hier viele Familien mit weitaus mehr Kindern. Alle Kinder durchgehend zuhause zu haben, ist eine Herausforderung. Es ist nicht so, dass das einfach eine neue Situation ist und wir mit ihr umgehen müssen. Wir sind schon durch einiges gegangen in diesem einen Jahr. Wir haben die Situation langsam satt. Für die Kinder ist es definitiv zu viel. Ich habe Jugendliche, die sagen, dass sie nicht mehr zuhause sein wollen und raus wollen zu ihren Freunden. Das ist absolut eine Herausforderung. Menschen mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen – einer meiner Söhne ist im Autismusspektrum und er hat eine besonders schwere Zeit, es gibt keine Routine oder Struktur und er braucht das alles noch mehr als andere... Alle seine Freizeitaktivitäten sind abgesagt und er betreibt auch Kampfkunst. Er kann das alles nicht mehr machen. Es findet keine Schule statt. Wenn wir da bald nicht rauskommen, müssen wir ernsthaft darüber nachdenken, was wir für ihn tun können, um eine Struktur aufzubauen. Es ist wirklich nicht einfach.“

 Naomi: „Momentan bist du zuhause. Ist es irgendwie möglich eine Struktur inmitten des Strukturmangels zu schaffen? Zu sagen: Das ist also jetzt unsere Situation und alles ist unsicher... wir wissen einfach nicht, ob die Kinder morgen zur Schule gehen oder ob es Online-Lernen stattdessen gibt. Es ist schwierig...“

 Shayna: „Es gibt zur Zeit Fernunterricht. Die Kinder können sich einloggen und ein paar Stunden Unterricht am Morgen haben. Unglücklicherweise hatten wir während einer Unterrichtsstunde einen Raketenalarm. Also auch das gibt nicht unbedingt eine sichere Struktur. Diese gesamte letzte Woche hat uns auf ein neues Level gebracht. Uns wurde ständig gesagt, in der Nähe der Schutzräume zu bleiben und dann plötzlich durften wir uns etwas von ihnen entfernen, aber auch nicht zu weit … Das ist so ein Ping-Pong, hin und her.. Manchmal bekommen wir eine Änderung des Status-Updates nach einer Stunde und in der nächsten Stunde verändert sich die Ankündigung wieder. Das verursacht eine Menge Frustration und Unsicherheit.“

 Naomi: „Deine Kinder müssen mit der Situation schon ein Jahr lang umgehen und ganz besonders jetzt... Ich bin mir sicher, dass ihr besorgt seid um ihre Resilienz. Wie gehen sie damit um, reden sie darüber, was gerade passiert und was zutun ist, wenn es Raketenalarm gibt?“

 Shayna: „Sogar mein 3-jähriges Kind kann genau erklären, was zutun ist, wenn die Sirenen aktiviert werden, dass wir in den Schutzraum gehen müssen oder wenn wir draußen sind, dann legen wir uns auf den Boden und schützen unseren Kopf. Jeder weiß, was er währenddessen zutun hat. Wir haben ein großes Lager an Snacks und Süßigkeiten im Schutzraum, um die Kinder etwas zu beruhigen während wir alle eng an eng dort drinnen sind. Aber .. es ist.. schwer.“

 Naomi: „Wir wünschen euch Ruhe und Sicherheit! Wir haben in der Vergangenheit über das Schul-Schutzraumprojekt gesprochen. Geht das weiter? Arbeitest du derzeit daran?“

 Shayna: „Ja, es geht weiter und wir fokussieren uns gerade auf Schutzräume, die einen Doppelzweck haben. Das bedeutet, dass sie sich nicht unbedingt in einem verschlossenen Schulhof befinden, sondern einfach draußen direkt vor dem Schuleingang. So können sie auch der allgemeinen Bevölkerung Schutz bieten, wenn Menschen an der Schule vorbei laufen. Eine Vorschule ist direkt neben einer Synagoge. Wir hoffen, dass wir ihnen bald einen Schutzraum installieren können. Und gerade auch wenn Menschen während der Feiertage beten, können sie dort Schutz finden.

Es gibt definitiv Bedarf an Schutzräumen in Safed. Und auch jetzt, wo die Schule gerade nicht stattfindet, ist das Schutzraumprojetz sehr relevant.“

 Naomi: „Wo kann man Informationen über das Projekt finden?“

 Shayna: https://www.sparkstolife.com/  oder Sparks to life bei Facebook. Dort gibt es alle Bilder und Links, unter denen man spenden kann.“

Original Podcast:

In diesem Sinne: Bitte unterstützt und teilt unsere Spendenkampagne!

Aufgrund der Dringlichkeit in dieser aktuellen Lage müssen die Schutzräume teilweise privat finanziert werden.

Wir möchten, dass unsere Kinder wieder halbwegs frei spielen und sich versammeln können, auch und gerade in dieser Zeit!

Daher hängen wir unten den Link zu der gofundme-Kampagne an

Ein paar Worte zu den Feiertagen

Ich erinnere mich an die goldgelben Äpfel, die ich von einem Feld des nördlichsten Ortes Metula gepflückt habe.

Direkt an der Grenze, am äußersten Zipfel Israels und ganz nah am Libanon: Blicknah.

Diese Äpfel waren die süßesten, die ich je in meinem Leben gegessen habe! 

Jetzt zum jüdischen Neujahrsfest symbolisiert diese persönliche Erinnerung Hoffnung –auf eine friedliche Nachbarschaft mit den Menschen im Libanon, denn ich bin mir sicher, dass die Libanesen selbst frei von dort ansässigen Terrororganisationen leben möchten.

Zum Neujahrsfest und zum Jahrestag des 7. Oktober sende ich mein Flehen, meine Hoffung und Herzenswünsche gen Himmel.

Möge dieses Jahr so goldgelb und süß sein wie die Äpfel, die zwischen dem Libanon und Israel wachsen! Die verbrannte Erde soll die schönsten Blumen hervorbringen und die Obstbäume fruchtvoll sein!

 Und genau in diesem Moment, wo ich diesen Newsletter fertigstelle, haben wir wieder Raketenalarm.

Ich gehe in das Treppenhaus, welches sicher ist und nach ein paar Minuten verzaubert mich dieser Anblick, welcher mir direkt am Eingang unseres Hauses begegnet und die Nacht einläutet.

 Dieser Neumond umgeben von den magischen Farben gibt Hoffnung und die Nacht kann beginnen.

101 Israelis befinden sich im gegenwärtig immer noch in Geiselhaft der Hamas.

BRING THEM HOME NOW!!!

Bringt sie zurück zu ihren Familien und Freunden, zurück zu ihrer Nation!

 

 

 

 

 

 

 

 

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