Alltag im Ausnahmezustand:Zwei persönliche Erfahrungsberichte.

von Talya Goldstein

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„Lass es nicht mein Gebet sein, vor Gefahren geschützt zu werden, sondern ihnen gegenüber furchtlos zu sein.

Lass mich nicht darum bitten, dass mein Schmerz gelindert wird, sondern darum, dass das Herz den Schmerz erobert.“

Rabindranath Tagore 

Die Anweisung des Home Front Command, die mittlerweile fast jeder aufs Handy bekommt, sagt: „Bitte halten Sie sich in der Nähe von Schutzräumen auf!“.

Sie gilt so lange bis eine weitere Nachricht aufs Handy gesendet wird, welche die vorherige aufhebt.

Sonntagabend kam mal wieder diese Nachricht. Es ist ein ewiges Gezerre.

Bekomme ich diese eine Warnung und warte? Und wenn ja, wie lange warte ich eigentlich? Heute Abend oder sogar über die ganze Nacht hinweg? Genau wissen wir das nie.

Dann schließlich, Montagabend, fast 24 Stunden später: der Beschuss.

Eine riesige Welle an Raketen, mehrere Sirenen heulen hintereinander auf. Wir müssen nach der zuletzt ertönten Sirene bis zu 10 Minuten in einem geschützten Bereich bleiben. Raketenteile und Splitter können mehrere Minuten durch die Luft fliegen. Mal ganz davon abgesehen, dass ein solches Schrapnell auch tödlich sein könnte. Doch selbst wenn diese Teile einen nicht direkt töten, sie können vor einem explodieren und es können giftige Gase austreten. Schaden können sie daher allemal.

 Nach diesem Beschuss kommt einige Minuten später die Entwarnung aufs Handy. Wir können uns wieder „frei“ bewegen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir sicher sind. Ein Beschuss kann immer kommen. Unerwartet. Das heißt also: Lebe dein Leben unter absoluter Vorsicht.

Die Ankündigung heißt, dass wir in den nächsten Minuten oder Stunden einen heftigen Beschuss erwarten. Eine Entwarnung heißt, dass jeder Zeit ein Beschuss passieren kann.

 Inmitten dieser ständigen Bedrohung und Verunsicherung erwarten wir das Sukkotfest. Es ist ein Fest der Freude und Zusammenkunft; eine Zeit, in der das Vertrauen und die Verbindung zum Schöpfer gelebt wird. Ja, das Miteinander wird gelebt. Und zwar in festlich geschmückten Laubhütten, durch die man die Sterne des Himmels nachts sehen kann

Blick über Safed Quelle: privat

Auf den Straßen wird rituelles Zubehör verkauft. Leute suchen nach einem passenden Etrog und Lulav. Nebenbei nach verspielten Dekorationen, Girlanden und Früchten. Das Fest wird vorbereitet und die Laubhütten gebaut.

Dort werden Freunde und Fremde beherbergt, gemeinsam zu essen und dem Schöpfer ganz nah zu sein- wie jedes Jahr.

 

Auch in diesem Jahr.

Und trotz aller Verunsicherung und Ungewissheit wird auch in diesem Jahr, im Oktober 2024, die ganze Liebe und Hingabe in dieses Fest gesteckt.

 

 

Zum Auftakt des Laubhüttenfestes habe ich zwei meiner Freunde gefragt, wie sie persönlich das letzte Jahr erlebt haben.

Judith hat mittlerweile Safed verlassen, um etwas Abstand von der Situation im Norden zu bekommen. Leider konnten wir uns nicht mehr treffen, seitdem ich zurück bin. Ich hoffe, sie bald wieder zum Kaffeetrinken treffen und mit ihr gemeinsame Ausflüge in der Gegend machen zu können.

Mit Shimon und seiner Frau arbeite ich. Shimons Ehefrau, Brigitte, ist an Alzheimer erkrankt. Im Alltag versuche ich sie so gut wie möglich zu unterstützen.

Als ich vor einem Jahr angefangen habe, ihm bei der Pflege seiner Frau zu helfen, wusste ich noch nicht, dass beide zu meinen besten Freunden gehören werden. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass unsere Situation hier für den Einzelnen schon schwer ist. Noch herausfordernder ist es, pflegebedürftige Familienangehörige im Haushalt zu haben.

Trotz dieser großen Verantwortung ist Shimon ein lustiger Zeitgenosse und ein treuer Freund. Shimon, Brigitte und ich lachen so viel miteinander.

Jeden Donnerstag bereitet er Essenspakete für Soldaten und Bedürftige unserer Gemeinde vor und zögert nie, jemandem zu helfen, der Hilfe braucht.

Er sagt oft zu mir, dass man mit Humor alles irgendwie händeln kann und dass die Versorgung seiner Frau ihn – Gott sei Dank – so beschäftigt hält, dass er gar keine Zeit hat, sich zu viele Sorgen zu machen und Angst zu haben.

 

Hallo, mein Name ist Judith.

Protrait von Judith Foto: privat

Ich bin 32 Jahre alt und komme ursprünglich aus Großbritannien.

Vor 4 Jahren bin ich nach Safed gezogen, nachdem ich ein fantastisches und erbauendes Wochenende in der Ascent-Jugendherberge verbracht habe. Dort habe ich die inspirierende und liebevolle Menschen kennengelernt.

Aufgrund der netten Gemeinschaft, der wunderschönen Landschaften

und der magisch-mystischen Atmosphäre hier habe ich mich für Safed

 (als Wohnort) entschieden.

 Seit dem 7. Oktober 2023 haben sich die Dinge sehr verändert. Ich habe bis dahin in einem Boutique-Hotel gearbeitet und schließlich durch den Krieg meinen Job verloren.

Seit Kriegsbeginn gibt es fast keinen Tourismus mehr und das hat sich direkt auf mein Einkommen ausgewirkt.

Aufgrund der großen finanziellen Probleme musste ich ein paar Nebenjobs annehmen, um über die Runden zu kommen.

 Darüber hinaus habe ich versucht zu verstehen, was tatsächlich am 7. Oktober passiert ist. Die Bilder haben mich verfolgt und ich konnte zu Beginn des Krieges ein paar Wochen lang nicht richtig essen und schlafen.

 Mit dem Raketenbeschuss im Norden habe ich versucht so gut wie möglich zurecht zu kommen, auch wenn mich die Sirene oft überraschte und ich danach tatsächlich ein paar Minuten brauchte, um mich zu beruhigen. Ich war im Schock und zitterte am ganzen Körper.

In letzter Zeit eskalierte es, als auf Safed mehrere Raketen abgefeuert wurden, so dass ich nicht mehr zu meinen Jobs gehen konnte.

Da ich zu Hause keinen Schutzraum habe, hatte ich das Gefühl, keine andere Wahl zu haben, als einen Koffer zu packen und die Stadt zu verlassen bis sich die Lage beruhigt.

 Die Situation im Norden ist völlig ungewöhnlich. Die Menschen sind im Überlebensmodus und ständig nervös. Es ist sehr beunruhigend, dort zu sein und für mich nicht möglich, einen solchen Lebensstil zu führen. Ich kann nicht zurückkehren, bis sich die Dinge wieder normalisieren. Ich kann dort im Moment weder meinen Lebensunterhalt bestreiten noch mein Alltagsleben weiterführen.

 Meine Hoffnungen und Wünsche für dieses Land bestehen darin, dass alle Terrororganisationen, die eine ständige Bedrohung für unser Leben – ja, eine Bedrohung für die gesamte Welt und die Menschheit – darstellen, zu eliminieren und dies schnell und gründlich zu tun, damit alle Bewohner des Nordens und des Südens sicher nach Hause zurückkehren und wieder ein normales Leben führen können.“

 

„Ich bin Shimon.

Shimon und Brigitte Foto: privat

Nachdem meine Frau und ich in den Ruhestand gegangen sind, haben wir vor 7 Jahren Aliyah aus England nach Safed gemacht.

Im Grunde führten wir dort ein jüdisches Leben,

indem wir eng mit einer Synagoge verbunden waren und

im Herzen einer jüdischen Gemeinde lebten. Allerdings

waren unsere Nachbarn auf beiden Seiten nicht jüdisch.

Wir waren dort nicht wirklich Teil der Gesellschaft.

Tatsächlich haben wir in den 11 Jahren, die wir in Manchester lebten, nicht ein einziges Mal die Häuser unserer nichtjüdischen Nachbarn betreten und umgekehrt kamen sie auch nicht in unser Haus.

 Hier haben die Nachbarn die Schlüssel zu unserem Haus und wir haben ihre. Sie kommen ständig vorbei, um Hallo zu sagen, zu sehen, wie es uns geht, leihen sich etwas aus oder bringen Essen vorbei, das sie speziell für uns gemacht haben oder sie haben Essen übrig, was sie es mit uns teilen.

Das ist vielleicht einzigartig für Safed und kleinere Gemeinden und es zeigt nur, warum wir uns entschieden haben, hier zu leben.

Wir besuchten die Stadt eines Nachmittags auf unserer Pilotreise durch Israel, bevor wir Aliyah machten, und wussten sofort, dass dies der richtige Ort für uns war. Für einen Außenstehenden mag es kitschig erscheinen, das zu hören. Aber man sagt hier, dass man sich nicht für Safed entscheidet, sondern, dass Safed sich für die Personen, die hier leben, entscheidet.Und ja, meiner Erfahrung nach war das der Fall. Und nein, ich bin nicht emotional und naiv. Ich habe das wirklich so gespürt.

Wir wussten sofort, dass wir hier sein sollten.

 Hier herrscht ein Gefühl der Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit, hebr.: „Achdut[i]. Ich habe so etwas nirgendwo sonst in Israel erlebt.


Das folgende Beispiel soll deutlich machen, warum ich mich so fühle:

Wir haben es geschafft, am Yom Kippur die Synagoge zu erreichen.

Der Shaliach Tzibur der Synagoge[ii] ist unser Handwerker, der alle Umbauten an unserem Haus vornimmt.

Am nächsten Morgen kam er strahlend und sehr früh in Arbeitskleidung zu uns nach Hause und machte sich die Hände schmutzig. Ebenso wünsche ich den Straßenkehrern vor Ort jeden Tag einen guten Morgen. Nicht nur ein flüchtiges Nicken, sondern ein echtes „Guten Morgen“ mit einer Antwort.

„Ich danke ihnen auch dafür, dass sie unsere Straßen sauber halten.“, sagte er

Wir alle fühlen uns hier verbunden, weil wir ein Volk sind.

 Seit dem 7. Oktober letzten Jahres herrscht unter uns allen, unabhängig von unserer Herkunft oder Gesellschaftsschicht, ein noch größeres Gefühl der Einheit.

 Bei Kriegsausbruch begann eine enorme Unterstützung für die Soldaten. Leute vernetzten sich, kauften lebenswichtige Vorräte und brachten sie zu den Soldaten.

Sie kochen für die Armee Mahlzeiten für Shabbat. [Die Bewohner] versorgen [die Soldaten] mit Lebensmitteln und anderen wichtigen Gütern, die die Soldaten möglicherweise nicht haben. 

 Ich erinnere mich, wie ich in den ersten Wochen des Krieges an provisorischen Militärbasis- und Soldatenlagern am Straßenrand anhielt und ihnen Wasser, Snacks usw. anbot und oft als Antwort bekam: „Danke, aber wir haben genug.“ Also machten wir uns auf die Suche nach anderen bedürftigen Soldaten.

Der Krieg hat enorme Auswirkungen auf Dienstleistungen in allen Lebensbereichen. Vom Bankwesen über das Gesundheitswesen, Landwirtschaft und Baumaterialien, alles hat Preisanstiege erfahren.

Die arbeitsfähigen Leute wurden einberufen, so dass es zu einem Mangel an Arbeitskräften kam.

Dies hatte Auswirkungen auf die Ernte. So kam es zu einem Mangel an Grundnahrungsmitteln wie Joghurt und auch Mangel an Baumaterialien, die Nichtverfügbarkeit von Transportmitteln, um Produkte zum Verbraucher zu bringen. Oft wurden Transportmittel beschlagnahmt, um sie für die Logistik der Armee zu verwenden. Dadurch stiegen auch die Grundpreise für Milch und Brot.

 Wir mussten das Haus neu organisieren, damit wir sicherer wohnen und schlafen können. Wir müssen unsere Reisen außerhalb der Stadt so planen und begrenzen, sodass sie mit den Anweisungen des Bürgermeister-Büros und des Home Front Commands übereinstimmen. Das HFC warnt vor potentiellen Angriffen.

Das Schwierigste bei Raketenalarm ist, alle in Sicherheit zu bringen. Du kannst gerade im Auto unterwegs sein. Oder du bist in einem Geschäft und plötzlich heulen die Sirenen. Dann drängen sich alle in den sichersten Bereich des Geschäftes zusammen, bis der Angriff vorüber ist. Es ist beängstigend, aber man muss vorsichtig sein und ein möglichst normales Leben führen.

Wenn du durch den Norden fährst, siehst du leider schwarze Landflächen und braune Bäume. Es sieht aus wie am Ende des Herbstes, dabei gerade noch Sommer.

Dies ist eine Folge der großen Anzahl von Bränden. Abstürzende Raketen oder Granatsplitter, die nach der Aktivierung des Iron Dome weggeschossen wurden und einschlugen, verursachten extrem große Feuer.

 Nach den Raketenangriffen aus dem Libanon stand also der Norden in diesem Sommer in Flammen. Rund um die Uhr waren Feuerwehrleute und Löschflugzeuge im Einsatz, die versuchten, die Brände zu löschen.

 Die Raketenangriffe halten bis heute an. Ich habe noch nicht wahrgenommen, dass sie weniger wurden, seit wir mit der Bodenoffensive im Libanon begonnen haben.

Die Geräusch von Flugzeugen, die in den Kampf ziehen, ist fast schon ein permanentes Hintergrundgeräusch. Ebenso wie das tägliche Knallen unserer Schüsse im Libanon oder die Explosionen, die von auf uns abgefeuerte Raketen verursacht werden.

 Um 5 Uhr morgens werde ich durch ein Klopfen geweckt.

Die ersten Gedanken sind: „Ist das ein Angriff? Nein, es ist der Müllwagen, der die Tonnen leert...“

 Im Grunde sind wir ständig nervös. Ich hoffe, wir können wieder zu einem normalen Leben zurückkehren, wo wir nicht ständig darüber nachdenken müssen, ob es heute sicher ist spazieren zu gehen oder eine Autofahrt zu machen.

 Für Euch, die ihr außerhalb Israels seid, hoffe ich, dass ihr ein Gefühl dafür bekommt, warum ich hierher gehöre.

Wir freuen uns auf jeden Fall über jede Unterstützung, die wir bekommen können.

 Das wirklich Traurige ist, dass die westlichen Medien und die Vereinten Nationen die Propaganda der Terroristen geschluckt haben, ohne die Behauptungen einer genauen Prüfung zu unterziehen.

Wir fühlen uns hier isoliert und kämpfen um unsere Existenz, also bitte unterstützt uns weiterhin!”

[i] Achdut: Achdut ist ein wichtiges jüdisches Prinzip. Es bedeutet, dass wir uns - auch wenn wir unterschiedlich aussehen, denken/glauben und uns verhalten - immer noch so fühlen und miteinander umgehen, als seien wir eine große Familie).

[ii] („Bote der Gemeinde“, jemand, der sich um die jeweilige religiöse Gemeinschaft kümmert)

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